Geistigkeit und Fest feiern
Als erstes mußt du nach Geistigkeit dürsten, dann lebe das Leben! Lebe das Leben! Lebe das Leben! Um diesen Durst zu bekommen denke nach über das Leben nach dem Tode. Studiere die heiligen Worte, lies deine Bibel, lies die heiligen Bücher und studiere besonders die heiligen Aussagen Bahá’u’lláhs. Gebet und Meditation, nimm Dir für beides viel Zeit. Dann wirst du diesen großen Durst spüren, und nur dann kannst du anfangen, das Leben zu leben.
‘Abdu’l-Bahá
Das Fest ist euch einmal in jedem Monat bestimmt worden, sei es auch nur mit Wasser. Gott hat wahrlich beabsichtigt, die Herzen der Menschen zusammenzuführen, erfordere es auch alle Mittel auf Erden und in den Himmeln.
Bahá’u’lláh
Schöpfe mit den Händen des Verzichts aus seinen lebenspendenden Wassern und besprenge damit alles Erschaffene, damit es von allen menschlichen Begrenzungen reingewaschen werde und dem mächtigen Throne Gottes, diesem geheiligten, strahlenden Orte, nahe komme.
Bahá’u’lláh
Paßt Gottes Gebote nicht euren eigenen wunderlichen Vorstellungen an. Befolgt vielmehr mit dem Auge des Geistes, was Gott durch Seinen Befehl erschaffen hat, gleich wie ihr die Dinge seht mit den Augen eures Körpers.
Báb
Möchte ein Mensch sich mit dem Schmuck dieser Erde schmücken, ihre Trachten tragen und die Wohltaten genießen, die sie zu schenken vermag, so kann ihm das nicht schaden, sofern er nichts zwischen sich und Gott treten läßt; denn Gott hat alle guten Dinge, ob sie in den Himmeln oder auf Erden erschaffen sind, für jene Seiner Diener bestimmt, die wahrhaft an Ihn glauben. Genießet, o Menschen, die guten Dinge, die Gott euch erlaubt, und beraubt euch nicht selbst Seiner wunderbaren Gaben. Bringet Ihm Dank und Preis, und gehöret zu den wahrhaft Dankbaren.
Bahá’u’lláh
Das Neunzehntagefest wurde von Báb eingesetzt und von Baha’u’llah in Seinem Heiligen Buch, dem Aqdas, bestätigt, auf dass sich die Menschen versammeln und Verbundenheit und Liebe so deutlich nach außen hin zeigen, dass die göttlichen Geheimnisse enthüllt werden! Das Ziel ist Einklang, damit durch diese Verbundenheit die Herzen vollkommen vereinigt, damit gegenseitiges Wohlwollen und Hilfsbereitschaft begründet werden. Da die Mitglieder der menschlichen Gesellschaft nicht in der Lage sind, ohne gegenseitigeVerbundenheit zu leben, sind Zusammenarbeit und Hilfsbereitschaft die Grundlagen der menschlichen Gesellschaft.
‘Abdu’l-Bahá
Die Äußerung Gottes ist eine Lampe, deren Licht die Worte sind: Ihr seid die Früchte eines Baumes und die Blätter eines Zweiges. Verkehret miteinander in größter Liebe und Eintracht, in
Freundschaft und Brüderlichkeit. Er, die Sonne der Wahrheit, ist Mein Zeuge! So mächtig ist das Licht der Einheit, dass es die ganze Erde erleuchten kann. Der eine wahre Gott, der alle Dinge kennt, bezeugt die Wahrheit dieser Worte.
Bahá’u’lláh
O Sohn des Menschen! Spende Meinen Reichtum Meinen Armen, damit du im Himmel aus der Fülle nie verblassenden Glanzes und den Schätzen unvergänglicher Herrlichkeit schöpfest. Aber bei Meinem Leben: Mir deine Seele darzubringen, ist weit herrlicher – könntest du doch mit Meinen Augen sehen!
Bahá’u’lláh
Täglich werden große Feiern und Festmahle zum Zweck weltlicher Freuden und zum Genuß von Speisen veranstaltet. Die Menschen genießen bestimmte Delikatessen und Erfrischungen unterschiedlicher Quellen, um eine angenehme Zeit zu verbringen. Bälle und Tanzvergnügen folgen. Alles dies ist für den Körper, aber unsere Gemeinschaft kommt durch die Freude am Göttlichen zustande; sie dient der Aufnahme geistiger Nahrung, der Erhellung geistiger Fragen, der Erörterung und Erläuterung von Gottes Lehren und Ratschlägen. Sie ist vollkommene Geistigkeit.
‘Abdu’l-Bahá
Die Gläubigen müssen sich der Liebe Gottes erfreuen und die Kraft erwerben, das Glück der Menschheit und das Wort Gottes zu fördern. Durch solch hohe Gesinnung muss das Fest eine gesicherte Einrichtung werden. Wenn sie sich versammeln, müssen alle Anwesenden ihr Angesicht dem Königreich Abha zuwenden. Aus ihren Herzen müssen sie den erhabenen Thron anrufen und anflehen, Gottes Vergebung für alle Unvollkommenheiten erbitten, die Lehren erforschen und sich zu Seinem Dienst erheben. Danach deckt die Tafel und reicht Erfrischungen. Sicherlich werden große Erfolge das Ergebnis solcher Zusammenkünfte sein. Alle Anwesenden werden von der Brise der Liebe Gottes berauscht, und der Odem des Heiligen Geistes wird die Herzen mit überwältigender Macht beseelen.
‘Abdu’l-Bahá
Sei ein Schmuck für das Antlitz der Wahrheit, eine Krone für die Stirn der Treue, ein Pfeiler im Tempel der Rechtschaffenheit, Lebenshauch dem Körper der Menschheit, ein Banner für die
Heerscharen der Gerechtigkeit, ein Himmelslicht am Horizont der Tugend, Tau für den Urgrund des Menschenherzens, eine Arche auf dem Meer der Erkenntnis, eine Sonne am Himmel der Großmut, ein Stein im Diadem der Weisheit, ein strahlendes Licht am Firmament deiner Zeitgenossen, eine Frucht am Baume der Demut.
Bahá’u’lláh
Wenn ihr aber in diese Versammlungen geht, befreit euch vor eurem Eintritt von allem, was in eurem Herzen ist, befreit eure Gedanken und euren Geist von allem außer Gott und sprecht euch zu Herzen. Dies alles möge die Versammlung zu einer Versammlung der Liebe, zur Ursache der Erleuchtung, zur Versammlung sich anziehender Herzen machen und sie mit dem Licht der Himmlischen Heerscharen umgeben, so dass ihr in größter Liebe zueinander vereinigt seid.
‘Abdu’l-Bahá
Wo immer die Geliebten Gottes sich versammeln und wem immer sie begegnen, sie müssen in ihrer Haltung vor Gott und in der Art, wie sie Seinen Ruhm und Seine Ehre preisen, solche Demut und Ergebenheit zeigen, dass jedes Staubatom unter ihren Füßen die Tiefe ihrer Ergebenheit bezeugt.
Bahá’u’lláh
O Herr! Zu Dir nehme ich Zuflucht und richte mein Herz auf alle Deine Zeichen. O Herr! Ob auf Reisen oder zu Hause, in meinem Beruf oder bei meiner Arbeit, setze ich all mein Vertrauen in Dich. So gewähre mir Deine allgenügende Hilfe und mache mich von allen Dingen unabhängig, o Du, der Du unübertroffen bist in Deinem Erbarmen. Lasse mir meinen Anteil zukommen, o Herr, wie es Dir gefällt, und mache mich zufrieden mit dem, was Du für mich verordnest. Dein ist die unumschränkte Befehlsgewalt.
Báb
In allen Dingen ist Mäßigung wünschenswert. Wird etwas übertrieben, so erweist es sich als Quell des Unheils.
Bahá’u’lláh
O Sohn des Seins! Gedenke Meiner auf Meiner Erde, damit Ich deiner gedenke in Meinem Himmel. So werden Meine Augen und deine Augen erquickt.
Bahá’u’lláh
Jeder von euch muss darüber nachdenken, wie er den anderen Teilnehmern eurer Versammlung gefällig sein und sie glücklich machen kann. Jeder einzelne muss alle Anwesenden für besser und wichtiger halten als sich selbst. Jeder muss sich selbst geringer schätzen als die anderen. Seht die Stufe der anderen als hoch und eure eigene Stufe als niedrig an. Wenn ihr in Übereinstimmung mit diesen Geboten handelt und lebt, so wisst wahrlich und seid gewiss, dass dieses Fest die himmlische Speise ist. Dieses Mahl ist das Abendmahl des Herrn! Ich bin der Diener einer solchen Versammlung.
‘Abdu’l-Bahá
Selig der Mensch, der sich löst von allem außer Mir, sich aufschwingt in die Höhen Meiner Liebe, der Einlaß findet in Mein Reich, Meine Gefilde der Herrlichkeit schaut, die Lebenswasser Meiner Gaben leert, sich am himmlischen Strom Meiner liebenden Vorsehung satt trinkt, mit Meiner Sache vertraut wird, begreift, was Ich in den Schatzkammern Meiner Worte verborgen habe, und, Meinen Ruhm und Preis kündend, vom Himmel göttlicher Erkenntnis strahlt. Wahrlich, er ist von Mir. Mit ihm seien Meine Barmherzigkeit, Meine Gnade, Meine Wohltat und Meine Herrlichkeit.
Bahá’u’lláh
Jetzt ist es Zeit, die Niedergeschlagenen mit dem belebenden Hauch der Liebe und Gemeinschaft und den lebendigen Wassern der Freundlichkeit und Güte aufzumuntern und zu erquicken.
Bahá’u’lláh
O Sohn des Menschen! Frohlocke vor Herzensfreude, damit du würdig seiest, Mir zu begegnen und Meine Schönheit widerzuspiegeln.
Bahá’u’lláh
In jedem Zyklus und mit jeder Offenbarung gibt es in den geheiligten Gesetzen Gottes gesegnete Feste, Feiertage und arbeitsfreie Tage. An solchen Tagen sollten alle Arten von Beschäftigung, Handel, Industrie, Landbau und dergleichen unterlassen werden. Alle sollten sich miteinander freuen, allgemeine Versammlungen abhalten, wie eine Gemeinde werden, damit die nationale Einheit, Einigkeit und Harmonie allen vor Augen geführt wird. Weil es gesegnete Tage sind, sollten sie nicht vernachlässigt oder ihrer Wirkung beraubt werden, indem man sie zu Tagen macht, an denen man sich nur dem Vergnügen hingibt. Während solcher Tage sollten Einrichtungen geschaffen werden, die von dauerndem Segen und Wert für die Menschen sind... Unzweifelhaft müssen an solchem Tag menschenfreundliche oder ideale Spuren von den Freunden Gottes sichtbar zurückbleiben, die in die ganze Menschheit hinausdringen und nicht nur den Bahá’í zugute kommen.
‘Abdu’l-Bahá
Wir wünschen, euch allezeit in Freundschaft und Eintracht im Paradiese Meines Wohlgefallens miteinander verkehren zu sehen und aus eueren Taten den Duft der Freundlichkeit und Einigkeit, der Güte und Gemeinschaft zu verspüren. So rät euch der Allwissende, der Getreue. Wir werden immer mit euch sein. Wenn Wir den Duft euerer Gemeinschaft verspüren, wird sich Unser Herz gewiß freuen, denn nichts anderes kann Uns genügen. Dies bezeugt jeder wahrhaft Verstehende.
Bahá’u’lláh
Die traurigen Ursachen des Krieges
DIE TRAURIGEN URSACHEN DES KRIEGES UND DIE PFLICHT EINES JEDEN, SICH UM FRIEDEN ZU BEMÜHEN
'Abdu'l-Baha in Paris 21. Oktober 1911
1. Ich hoffe, dass ihr alle glücklich und wohlauf seid. Ich bin nicht glücklich, sondern sehr betrübt. Die Nachricht von der Schlacht bei Benghazi bekümmert mein Herz. Ich wundere mich über die menschliche Grausamkeit, die noch in der Welt ist. Wie können Menschen von morgens bis abends kämpfen, einander töten und das Blut ihrer Mitmenschen vergießen? Und wofür? Nur, um die Herrschaft über ein Stück Erde zu gewinnen! Selbst die Tiere haben beim Kampf einen unmittelbaren und vernünftigeren Anlass für den Angriff! Wie schrecklich ist es, dass sich Menschen, die dem höheren Reiche angehören, so erniedrigen, dass sie ihre Mitgeschöpfe um den Besitz eines Landstriches erschlagen und mit Elend überziehen!
2. Das höchste der erschaffenen Wesen kämpft um die niederste Form des Stoffes: Erde.
Das Land gehört nicht `einem Volke`, sondern allen. Diese Erde ist nicht des Menschen Heim, sondern sein Grab. Es ist um ihre Gräber, worum diese Menschen kämpfen. Nichts in dieser Welt ist so schrecklich wie das Grab, die Stätte der verwesenden Menschenleiber.
Wie groß auch der Eroberer sein mag, wie viele Länder er auch versklavt, er kann von diesen verwüsteten Ländern nichts behalten, als ein winziges Stück: sein Grab.
3. Wenn zur Verbesserung der Zustände eines Volkes, zur Verbreitung der Zivilisation (damit gerechte Gesetze an die Stelle unmenschlicher Bräuche treten) mehr Land benötigt wird, so müsste es gewiss auch möglich sein, die erforderliche Gebietserweiterung auf friedlichem Wege zu erreichen.
4. Aber der Krieg wird gemacht, um den menschlichen Ehrgeiz zu befriedigen. Um des weltlichen Gewinnes einiger weniger willen wird schreckliches Elend über ungezählte Heime gebracht und das Herz von Hunderten von Männern und Frauen gebrochen!
Wie viele Witwen trauern um ihre Gatten, wie viele Berichte über wilde Grausamkeiten werden laut! Wie viele verwaiste Kinderchen schreien nach ihren toten Vätern, wie viele Frauen weinen um ihre erschlagenen Söhne!
Nichts ist so herzzerbrechend und schrecklich, wie ein Ausbruch der menschlichen Wildheit.
5. Ich heiße euch alle und jeden von euch, alles, was ihr im Herzen habt, auf Liebe und Einigkeit zu richten. Wenn ein Kriegsgedanke kommt, so widersteht ihm mit einem stärkeren Gedanken des Friedens. Ein Hassgedanke muss durch einen mächtigeren Gedanken der Liebe vernichtet werden. Kriegsgedanken zerstören alle Eintracht, Wohlfahrt, Ruhe und Freude.
Gedanken der Liebe schaffen Kameradschaftlichkeit, Frieden, Freundschaft und Glückseligkeit.
6. Wenn Soldaten der Welt den Säbel ziehen, um zu töten, so schütteln die Soldaten Gottes einander die Hände.
So mag durch die Gnade Gottes, die sich durch die reinen Herzen und aufrichtigen Seelen auswirkt, alle menschliche Wildheit schwinden.
7. Haltet den Frieden der Welt nicht für ein unerreichbares Idealbild! Nichts ist für Gottes Güte unmöglich.
Wenn ihr von ganzem Herzen Freundschaft mit allen Rassen auf Erden wünscht, so werden sich eure Gedanken geistig und aufbauend verbreiten, sie werden zum Wunsche anderer werden, wachsen und wachsen, bis sie alle Menschen erreichen.
8. Verzweifelt nicht! Wirkt ständig! Aufrichtigkeit und Liebe werden den Hass besiegen. Wie viel ereignet sich in diesen Tagen, das unmöglich schien! Wendet beständig euren Blick dem Licht der Welt zu! Erzeiget allen Liebe, "Liebe ist der Hauch des Heiligen Geistes im Menschenherzen". Fasset Mut! Gott verlässt Seine Kinder, die streben, arbeiten und beten, nicht. Lasst eure Herzen vom angestrengten Wunsch erfüllt sein, dass Ruhe und Einklang diese streitende Welt umfangen mögen. So wird euer Bemühen von Erfolg gekrönt sein und mit der allumfassenden Bruderschaft das Gottesreich in Frieden und Wohlwollen erscheinen.
9. In diesem Raum sind heute Angehörige vieler Rassen, französische, amerikanische, englische, deutsche, italienische Brüder und Schwestern, in Freundschaft und Harmonie beisammen. Lasst diese Zusammenkunft eine Ahnung dessen sein, was sich wahrhaftig in dieser Welt ereignen wird, wenn jedes Gotteskind erkennt, dass sie alle Blätter `eines Baumes`, Blumen `eines Gartens`, Tropfen `eines Meeres` und Söhne und Töchter `eines Vaters` sind, dessen Name Liebe ist!
10. Schlussgebet
O Du gütiger Herr! Du hast die ganze Menschheit aus dem gleichen Stamm erschaffen. Du hast bestimmt, dass alle der gleichen Familie angehören. In Deiner heiligen Gegenwart sind alle Deine Diener, die ganze Menschheit findet Schutz in Deinem Heiligtum. Alle sind um Deinen Gabentisch versammelt; alle sind erleuchtet vom Lichte Deiner Vorsehung.
O Gott! Du bist gütig zu allen, Du sorgst für alle, Du beschützest alle, Du verleihst allen Leben.
Du hast einen jeden mit Gaben und Fähigkeiten ausgestattet, und alle sind in das Meer Deines Erbarmens getaucht.
O Du gütiger Herr! Vereinige alle. Gib, dass die Religionen in Einklang kommen und vereinige die Völker, auf dass sie einander ansehen wie eine Familie und die ganze Erde wie eine Heimat.
O dass sie doch in vollkommener Harmonie zusammenlebten!
O Gott! Erhebe das Banner der Einheit der Menschheit.
O Gott! Errichte den Größten Frieden.
Schmiede Du die Herzen zusammen.
O Du gütiger Vater, Gott! Erfreue unsere Herzen durch den Duft Deiner Liebe. Erhelle unsere Augen durch das Licht Deiner Führung. Erquicke unsere Ohren mit dem Wohlklang Deines Wortes und beschütze uns alle in der Feste Deiner Vorsehung.
Du bist der Mächtige und der Kraftvolle, Du bist der Vergebende und Du bist der, welcher die Mängel der ganzen Menschheit übersieht.
´Abdul-Baha
Worte eines aufgeklärten weisen Menschen
Darum sollte ein aufgeklärter, weiser Mensch vornehmlich in Worten reden, die sanft wie Milch sind, damit seine Worte die Menschenkinder nähren und erbauen,
so dass sie das höchste Ziel menschlichen Daseins erreichen: Die Stufe wahren Verstehens und geistigen Adels.
Die Bedeutung des Völkerrechts für den internationalen Frieden
In einer Welt, die von Konflikten und Unsicherheiten geprägt ist, ist das Völkerrecht von
zentraler Bedeutung. Es soll internationalen Frieden sichern und Gewalt zwischen Staaten
verhüten. Um die Bedeutung des Völkerrechts trotz Kriegen in der Welt zu erläutern, war der
renommierte Völkerrechtler Maximilian Bertamini am 27.10.2024 im Baháʼí Zentrum Witten
für einen Vortrag zu Gast.
Bertamini befragte die Zuhörer, was für sie unter Frieden verstehen. Dann erklärte er den
Begriff aus Sicht des Völkerrechts. Nach diesem ist Frieden mehr als die bloße Abwesenheit
von Krieg. Neben einem Friedenszustand müssen auch Friedensbedingungen erfüllt sein, um
einen Frieden zu schaffen, der den Namen verdient. Dazu gehören zum Beispiel die Wahrung
gewisser menschenrechtlicher Standards sowie die Achtung von Selbstbestimmung.
Schweigen die Waffen nur, weil ein rechtswidrig angegriffener Gegner geschlagen und
unterworfen ist, dann ist der Begriff des Friedens trügerisch.
Das Völkerrecht kenne die Wege zum Frieden. Es durchzusetzen, ist laut Bertamini jedoch
aus vielen legitimen Gründen nicht immer leicht. Reformen von internationalen Institutionen
wie den Vereinten Nationen wären dafür nötig, um wirksamer auf Verstöße gegen
internationales Recht reagieren zu können.
Trotz der Herausforderungen, mit denen die Durchsetzung des Völkerrechts konfrontiert ist,
zeigte Bertamini, dass im Großen und Ganzen ein positives Fazit für die Geltung des
Völkerrechts gezogen werden müsse, denn: Die allermeisten Staaten halten sich weitgehend
an völkerrechtliche Normen. Selbst Staaten, die gegen das Völkerrecht verstoßen, bemühen
sich darum, als rechtskonform wahrgenommen zu werden. Dies zeige, dass das Völkerrecht
auch in schwierigen Zeiten eine wichtige normative Funktion erfüllt.
Zum Abschluss ermutigte Bertamini zu drei Dingen: Erstens, das Völkerrecht trotz Kriegen in
der Ukraine und dem Nahen Osten nicht aus lauter Zynismus gering zuschätzen. Zweitens,
einfache Parolen zum Thema Frieden mit Skepsis zu betrachten und stattdessen einen
anspruchsvollen Friedensbegriff wählen. Und drittens, für diejenigen Wertungen einzutreten,
die auch das Völkerrecht trifft. Etwas rechtlich zu regeln, entbinde niemanden von der
Verantwortung, diese Regeln auch zu leben.
Ein Planet - Ein Lebensraum
Eine Erklärung der Bahá’í International Community vom 1. Juni 2022
Ein Planet, ein Lebensraum: Eine Baháʼí-Perspektive zur Neugestaltung der Beziehung der Menschheit zur Welt der Natur
Diese Handbreit Erde ist nur eine Heimat und eine Wohnstatt. Euch geziemt es, alle Hoffart aufzugeben, weil sie Entfremdung schafft, und eure Herzen auf das zu richten, was Eintracht stiftet.
Bahá'u'lláh
1. Die Welt der Natur bietet in ihrer ganzen Pracht und Majestät tiefe Einblicke in das Wesen der gegenseitigen Abhängigkeit. Von der Biosphäre als Ganzes bis hin zum kleinsten Mikroorganismus zeigt sie, wie abhängig jede Lebensform von zahlreichen anderen ist - und wie Ungleichgewichte in einem System auf ein miteinander verbundenes Ganzes zurückwirken.
2. Eingebettet in dieses größere System und zutiefst von ihm abhängig, steht die Menschheit vor einem Paradox, das von Tag zu Tag folgenreicher wird. Einerseits hat die Menschheit noch nie über so viel Macht verfügt, die physische Welt in planetarischem Maßstab zu gestalten - eine Entwicklung, die manche als das Anthropozän bezeichnen. Dies zeugt von unserem kollektiven Einfallsreichtum und unserer Kreativität, sowie von dem grenzenlosen Potenzial, das vor uns liegt. Andererseits führt genau diese Macht - wenn nicht durch wohl überdachte Überlegungen gemildert und wenn durch Prioritäten gelenkt, die das gegenwärtige und künftige Gemeinwohl außer Acht lassen - zu Folgen, die nicht nur weltweit in ihrer Tragweite, sondern potenziell unumkehrbar sind.
Vertiefung: Treuhänderschaft für die Welt der Natur
3. Da die schwerwiegenden Folgen der Überschreitung der planetarischen Grenzen immer deutlicher zutage treten - vom Klimawandel bis zum Verlust der biologischen Vielfalt hin zu Umweltzerstörung und -verschmutzung, wird die Menschheit jetzt gezwungen, reifere, kooperativere und konstruktivere Beziehungen unter sich und mit der natürlichen Umwelt zu entwickeln.
4. Seit der bahnbrechenden Konferenz der Vereinten Nationen über die Umwelt des Menschen im Jahr 1972 hat sich das Denken in Umweltfragen deutlich weiterentwickelt. Die in den letzten fünfzig Jahren erzielten Fortschritte, sei es auf wissenschaftlicher, rechtlicher oder institutioneller Ebene, sind ein Grund zur Zuversicht und eine Quelle der Hoffnung für die Zukunft. Doch muss der Zuwachs an Erkenntnis heute viel schneller und in viel größerem Maßstab in die Tat umgesetzt werden. Umfassende Veränderungen in der Organisation und im Ablauf menschlicher Angelegenheiten sind zu einem existenziellen Gebot geworden - notwendig und unvermeidlich. Die Frage, die sich Nationen und führenden Politikern der Welt stellt, ist, ob die erforderlichen Maßnahmen als Folge bewusster Entscheidungen und Vorsorge ergriffen werden, oder durch Zerstörung und Leiden, verursacht durch den eskalierenden Zusammenbruch der Umwelt, erzwungen werden.
Ein Volk in einer globalen Heimat
5. Aus einer Perspektive, die weit genug ist, um den Planeten in seiner Gesamtheit zu erfassen, kann die Menschheit in keinem anderen Licht gesehen werden als ein Volk, das in einer globalen Heimat lebt. Das Bewusstsein dieser Einheit, ausgedrückt in gerechten Beziehungen, ist die einzige Grundlage, auf der nachhaltige Gesellschaftssysteme aufgebaut werden können.
6. Auf seine eigene Weise feiert jedes Volk die unermessliche Schönheit und Erhabenheit der Natur. Die Traditionen jeder Kultur huldigen diesem unschätzbaren Erbe, das nicht nur die physischen Bedürfnisse des Körpers, sondern auch die transzendenten Qualitäten des Geistes erhält. Die Aufgabe, eine nachhaltige und blühende Welt zu schaffen, birgt das Versprechen, einen Punkt der Einheit zu schaffen, nicht nur im gemeinsamen Bemühen, sondern auch im freudigen Feiern.
7. Das Einssein der Menschheit anzuerkennen bedeutet nicht, die verschiedenen Formen des Ausdrucks, der Kultur, oder der sozialen Organisation zu unterdrücken. Das Prinzip der Einheit enthält in sich das wesentliche Konzept der Vielfalt; dies ist es gerade, was sie von der Uniformität unterscheidet. In der natürlichen Welt gedeihen Systeme durch die Interaktion von sehr unterschiedlichen Elementen. Unterschiede zwischen verschiedenen Komponenten können die Funktion des Ganzen verbessern und die Widerstandsfähigkeit des gesamten Systems stärken.
Die Aufgabe, eine nachhaltige und blühende Welt zu schaffen, birgt das Versprechen, einen Punkt der Einheit zu schaffen, nicht nur im gemeinsamen Bemühen, sondern auch im freudigen Feiern.
8. In menschlichen Angelegenheiten ist die Vielfalt des Denkens, der Herkunft und der Vorgehensweise ebenso wichtig. Nur durch das Zusammenspiel verschiedener Perspektiven und Erfahrungen kann ein höherer Grad an Wahrheit gefunden und Einsicht gewonnen werden. Andernfalls führt ein Übermaß von ähnlichen Ansichten und Meinungen, ähnlich wie eine übermäßige Abhängigkeit von einer einzigen natürlichen Ressource dazu, dass ein System Gefahren ausgesetzt und anfällig für Zusammenbrüche wird.
9. Gut koordinierte und integrierte Beiträge von immer mehr Bevölkerungsgruppen werden erforderlich sein, um die Beziehung der Menschheit zur natürlichen Welt wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Annahmen über die Überlegenheit einer Gruppe gegenüber einer anderen, die sich auf Nationalität, Rasse, Wohlstand oder andere Merkmale stützen, können nur die Bande schwächen, die für Konsens und koordiniertes Vorgehen nötig sind. Das Gefühl des Andersseins untergräbt unweigerlich die Motivation, sich für das Gemeinwohl einzusetzen, sei es im sozialen oder ökologischen Bereich.
Vertiefung: Befähigung von Protagonisten eines transformierenden Wandels
10. Die Menschheit hat oft darum gerungen, die Vielfalt zu schätzen und gleichzeitig auf Einheit hinzuarbeiten, das Besondere zu respektieren und zu schützen und gleichzeitig die Kraft des Gemeinsamen zu nutzen. Der verantwortungsvolle Umgang mit der natürlichen Welt bietet ein wirksames Mittel, um diese miteinander verknüpften Ideale in Einklang zu bringen.
11. Vorschläge zur weiteren Erkundung
Die drängenden Umweltprobleme verlangen von der Menschheit eine immer reifere Integration von Grundsätzen und Taten, gekennzeichnet von einem prozessorientierten Vorgehen für den Fortschritt. Produktive Schritte sollten so schnell wie möglich innerhalb der gegenwärtigen Systeme unternommen werden, auch wenn diese an ihre Grenzen stoßen, während gleichzeitig Grundlagen geschaffen werden, die neue Paradigmen widerspiegeln, welche den heutigen Bedürfnissen besser gerecht werden. Zu diesem Zweck werden in diesem Dokument Vorschläge im Geiste der Erkundung unterbreitet, die Inspiration aus Beispielen schöpft, in denen sich die internationale Gemeinschaft nicht nur eine bessere Welt vorgestellt, sondern auch versucht hat, auf bisher unbeschrittenen Wegen zu handeln. Solche praktischen Erfahrungen geben Einblick in das, was möglich wird, wenn Konsens und erforderliches Handeln die vorherrschenden Narrative überschreiten dürfen, die eine Bewegung hin zu einem sinnvollen Wandel verhindern.
Eine Möglichkeit, das Prinzip der Einheit der Menschheit zu stärken, wäre die Einrichtung von Mechanismen, die globale Auswirkungen von nationalen politischen Entscheidungen auswerten. Ein vereinbartes internationales Beratungsgremium könnte beispielsweise Auswirkungen beurteilen, die über nationale Grenzen hinausgehen und gegebenenfalls Anpassungen oder Wiedergutmachungen empfehlen.
Innerhalb der derzeitigen Strukturen würde eine Stärkung des rechtlichen Rahmens für die natürliche Welt die Kohärenz der Regelungen für die biologische Vielfalt, das Klima und die Umwelt verbessern und eine solidere Grundlage für den gemeinsamen Umgang mit unserem Planeten schaffen. Die internationale Gemeinschaft ist durchaus in der Lage, Governance-Strukturen auf diese Weise zu integrieren, und Erfahrungen der Vergangenheit - Fortschritte und Rückschläge gleichermaßen - bieten wertvolle Grundlagen, auf die zurückgegriffen werden kann. Die Bemühungen um mehr Kohärenz zwischen dem Engagement in Bereichen von Friedenssicherung, Mediation, Menschenrechten, Wiederaufbau und langfristiger Entwicklung - von der Einrichtung der United Nations’ Peacebuilding Architecture (Friedensbildende Architektur der Vereinten Nationen) bis hin zur vorgeschlagenen neuen Friedensagenda - bieten erste Anhaltspunkte dafür, wie ein Prozess der Harmonisierung entsprechender Bemühungen aussehen könnte.
Konsens im Handeln
12. Um die Menschheit hin zu einer nachhaltigeren und harmonischeren Beziehung zur natürlichen Welt zu bewegen, bedarf es eines starken und umsetzbaren Konsenses sowie eines kollektiven Willens zu den fundamental wichtigsten Grundsätzen, welche die Angelegenheiten der internationalen Gemeinschaft bestimmen sollen. Ein gewisses Maß an Übereinstimmung über Grundprinzipien wie Verantwortlichkeit, gegenseitige Abhängigkeit und Gerechtigkeit wurde schon erreicht. Aber solche Ideale müssen sich noch als akzeptierte Grundlage für kollektives globales Handeln etablieren.
13. Die bis jetzt unzureichenden nationalen Pläne zur Verringerung der Kohlenstoffemissionen im Rahmen des Pariser Abkommens von 2015 sind ein viel beachtetes Beispiel. Diese Kluft zwischen Rhetorik und Handeln ist ein Hinweis auf eine tiefergehende Herausforderung, nämlich, dass die Grundsätze der Nachhaltigkeit nicht tief genug im kollektiven Bewusstsein verankert sind, um Entscheidungen und Verhaltensweisen der Nationen zu gestalten.
14. Ein gut vereinbarter Konsens zeigt sich nicht nur durch Titel und Deklaration eines Textes auf Papier, sondern durch koordiniertes, gemeinsames Handeln; sein Prüfstein sind Taten, nicht Worte. Ein starkes Bekenntnis auf internationaler Ebene zu den wichtigsten Grundsätzen und Werten hilft den nationalen und lokalen Entscheidungsträgern, die Hindernisse zu überwinden, die bei der Umsetzung notwendiger Veränderungen unweigerlich auftreten. Es verdeutlicht die Gründe, weshalb die Nationen einander die notwendigen Ressourcen zur Verfügung stellen sollten, um die Vereinbarungen zu verwirklichen. Auch hilft es Gesellschaften, Einwände auszuräumen, die auf begrenzten oder eigennützigen Interessen beruhen.
Ein gut vereinbarter Konsens zeigt sich nicht nur durch Titel und Deklaration eines Textes auf Papier, sondern durch koordiniertes, gemeinsames Handeln ...
15. Von den Völkern der Welt kann nicht länger verlangt werden, die Diskrepanz von unterzeichneten, aber nicht umgesetzten Vereinbarungen hinzunehmen. Taten müssen mit Grundsätzen in Einklang gebracht werden, die kollektiv angenommen und von allen verfochten werden. Die internationale Ordnung muss auf ein Fundament gestellt werden, das wirksame planetarische Maßnahmen zu planetarischen Herausforderungen ermöglicht.
16. Vorschläge zur weiteren Erkundung
Ein Konsens in globalen Fragen, so wie in den Zielen für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs), könnte entschlossener in die Tat umgesetzt werden, wenn Beratungen auf der gemeinsamen Erkenntnis beruht, dass jedes Land noch viel lernen muss, um die existentiellen Erfordernisse der Nachhaltigkeit und Entwicklung zu integrieren, die gleichermaßen wichtig sind. Einige Länder haben vielen ihrer Bürger ein hohes Niveau an materieller Entwicklung gesichert, verursachen aber unverhältnismäßig große ökologische Schäden mit dem Verbrauch von Ressourcen und der Erzeugung von Abfall. Andere haben einen wesentlich nachhaltigeren ökologischen Fußabdruck, benötigen aber weiterhin eine erhebliche materielle Entwicklung, um die Grundbedürfnisse ihrer Bürger zu erfüllen. Das Ziel, auf das jede Nation hinarbeiten muss, ist das Wohlergehen aller Bevölkerungen mit Mitteln zu erreichen, die nachhaltige und harmonische Beziehungen zur natürlichen Umwelt gewährleisten. Dieses universelle Ziel in den Mittelpunkt zu stellen, würde einen wichtigen Punkt der Einheit schaffen, um den herum ein Konsens in kollektives, zielgerichtetes Handeln umgesetzt werden kann.
Das Bilden eines handlungsfähigen Konsenses über moralische und ethische Maßstäbe, zusammen mit Klima- und Umweltstandards, kann sicherstellen, dass Prinzip Vorrang vor Profit hat. Dies ist kein Neuland für die internationale Gemeinschaft. Wertvolle Lehren können zum Beispiel aus dem von den Vereinten Nationen eingerichteten Zertifizierungsprozess zur Eindämmung des Umlaufs von Blutdiamanten gezogen werden. Ungeachtet aller Unzulänglichkeiten dieses Prozesses ist er ein Beispiel dafür, wie ein Konsens über ethische und soziale Aspekte in konkrete Maßnahmen zur Analyse und Anpassung in verschiedenen Phasen der Wertschöpfungskette einer Ware umgesetzt werden kann.
Den Fortschritt neu definieren
17. Wenn die Beziehung der Menschheit zur natürlichen Welt neu gestaltet werden soll, müssen Begriffe wie Fortschritt, Zivilisation und Entwicklung neu definiert werden. Bemühungen in diese Richtung, wie Budgets, die auf das Wohlbefinden ausgerichtet sind, oder Fortschrittsindikatoren, die ganzheitlicher sind als das Bruttoinlandsprodukt, müssen erweitert und vertieft, und grundsätzliche Fragen müssen weiter erörtert werden. Was sind die Eigenschaften, nach denen eine Person, eine Nation oder ein Unternehmen als erfolgreich beurteilt wird? Wofür werden sie gelobt und geschätzt?
18. Solange solche Fragen auf der Grundlage von Werten beantwortet werden, die Besitz über Beziehungen oder Erwerb über Verantwortung stellen, wird eine nachhaltige Welt unerreichbar bleiben. Die Natur solcher Werte und ihre Wirkung auf den menschlichen Geist verleiten unaufhörlich zu Exzess, Ausnutzung und Ausbeutung bis zur Erschöpfung. Sie führen auch zu unbegrenzten Extremen von entfremdendem Reichtum und lähmender Armut. Nur in dem Maße, in dem diese beiseitegelegt werden, können die tiefgreifenden Widersprüche, die sie hervorrufen - nicht zuletzt die Erwartung eines unendlichen Wachstums auf einem endlichen Planeten - aufgehoben werden. Und nur wenn Fortschritt auf neue Art verstanden wird, können die grundlegenden Triebkräfte der gegenwärtigen Umweltkrisen genau erkannt und dauerhafte Veränderungen herbeigeführt werden.
19. Was ganz klar eingestanden werden sollte ist, dass noch kein Land den Prozess der nachhaltigen Entwicklung gemeistert hat. Bestimmte Formen der Industrialisierung, der technologischen Kapazität und des makroökonomischen Wachstums wurden oft mit Entwicklung gleichgesetzt. Jedoch zeigen die Unzufriedenheit und die Schwierigkeiten vieler Menschen, die in Gebieten leben, die traditionell als entwickelt gelten, ebenso wie die Ungerechtigkeiten, mit denen zahlreiche andere Bevölkerungen auf der ganzen Welt konfrontiert sind, und die der Natur aufgelegte Belastung, dass eine solche Sichtweise bestenfalls unvollständig und oft direkt schädlich ist. Es gibt kein einziges Lebensmuster und keine einzige Vision der Gesellschaft, die als Modell für die gesamte Menschheit dienen könnte.
20. Die Entwicklung eines ganzheitlichen Konzepts des Fortschritts erfordert ein erweitertes Verständnis von uns selbst als Spezies, einschließlich Wahrheiten über den menschlichen Geist selbst. Der Planet, seine Völker und Lebewesen haben enorm unter einer materialistischen Denkweise gelitten, die das Individuum als eine rein eigennützige wirtschaftliche Einheit betrachtet, die mit anderen um einen immer größeren Anteil an den materiellen Ressourcen der Welt konkurriert. Dieses Zerrbild ist auf der Ebene der formalen Theorie weitgehend als simplistisch und primitiv abgelehnt worden. Viele Aspekte der globalen Ordnung beruhen jedoch nach wie vor auf diesen Annahmen und verstärken und vertiefen sie oft noch.
Vertiefung: Wirtschaftliche Vereinbarungen neu überdenken
21. Ein genaueres Verständnis der menschlichen Natur würde Eigenschaften und Einstellungen wie Vertrauenswürdigkeit, gegenseitige Unterstützung, Verpflichtung zur Wahrheit und Verantwortungsbewusstsein umfassen, welche die Bausteine einer stabilen sozialen Ordnung sind. Es würde zu Modellen führen, welche die Übel des reduktiven Materialismus vermeiden oder mildern, und sicherstellen, dass unser Streben nach Wohlstand auch die vielen anderen Facetten des individuellen und kollektiven Wohlergehens umfasst.
22. Eine Neudefinition des Fortschritts bedeutet nicht, legitime Errungenschaften der Vergangenheit zu verwerfen, sondern die Grenzen künftiger zu erweitern. Von neuen Anschauungen über Eigentum und Nutzung, neuen Formen der städtischen Organisation, bis hin zu neuen Methoden der Landwirtschaft, der Energieerzeugung und des Verkehrs – die Möglichkeiten, die sich der Menschheit bieten, sind gewaltig. Diese zu ergreifen erfordert eine weitaus vollere Verwirklichung des in jedem Einzelnen schlummernden menschlichen Potenzials und die gemeinsamen Anstrengungen der Menschheit als Ganzes. Aber die kommenden Jahrzehnte bieten die Aussicht, eine außergewöhnlich reiche und lohnende Periode der Menschheitsgeschichte zu werden. So beängstigend das beispiellose Ausmaß der in zahlreichen Bereichen der Gesellschaft erforderlichen Transformation auch manchmal erscheinen mag, eröffnet es doch Möglichkeiten für eine große Entfaltung der menschlichen Kreativität und Initiative.
23. Vorschläge zur weiteren Erkundung
Das Nachhaltige Entwicklungsziel 17.19 fordert die Entwicklung neuer Maßstäbe des Fortschritts, die das Bruttoinlandsprodukt ergänzen. Dies ist ein erstrebenswertes Ziel, das vom Generalsekretär der Vereinten Nationen bekräftigt wurde und dem gebührende Priorität und Mittel gewährt werden sollten. Zum Beispiel könnten internationale Zusammenkünfte - sowohl ad hoc als auch im Rahmen des regulären Kalenders der Vereinten Nationen - ergänzende Bewertungen unter dem Gesichtspunkt des jeweiligen thematischen Schwerpunkts untersuchen.
Nicht nur der Maßstab zur Bewertung muss ganzheitlicher werden, auch die gegenwärtigen Vorstellungen von Fortschritt selbst müssen überdacht und in vielerlei Hinsicht neu formuliert werden. Zu diesem Zweck könnte ein Ausschuss von Sachverständigen oder ein ähnliches Gremium auf bereits laufenden und vielversprechenden Bemühungen aufbauen, Fragen ermitteln, die weiterer Untersuchung bedürfen, Alternativen skizzieren, und Bereiche definieren, die Umsetzungsreif erscheinen. Das Ziel wäre nicht nur eine Reihe von Ergebnissen, sondern vielmehr ein fortlaufender Untersuchungsprozess darüber, was eine nachhaltige Zivilisation beinhaltet, und wie ihre Merkmale angemessen bewertet und gefördert werden können. Ein lehrreiches Beispiel in dieser Hinsicht war die Verabschiedung des Montrealer Protokolls über Substanzen, die zum Abbau der Ozonschicht führen, als die internationale Gemeinschaft zu dem allgemeinen Konsens gelangte, dass dem globalen Fortschritt mehr gedient ist, wenn auf die Verwendung solcher Chemikalien verzichtet wird, welche die Atmosphäre schädigen, als durch den finanziellen Gewinn aus dem weiteren Verkauf dieser Stoffe.
Ausrichtung an höheren Prinzipien
24. Die Existenz der Menschheit wird nicht nur durch physische Kräfte, sondern auch durch soziale und moralische Gesetze von Ursache und Wirkung bestimmt. Gier ist von Natur aus für das Gemeinwohl schädlich, egal wie kunstvoll sie gerechtfertigt oder verborgen wird. Selbstlose und mitfühlende Handlungen haben immer die Kraft zu motivieren und inspirieren, ganz gleich wie einfach oder isoliert sie erscheinen.
25. Aus dieser Perspektive kann der Weg zu einem harmonischen Verhältnis mit der Natur nicht allein aus technischer Anpassung bestehen. Der Weg muss auch Gemeinden und Gesellschaften einschließen, die lernen, sich an höheren Prinzipien zu orientieren.
26. Die Freisetzung der in jedem Menschen schlummernden, edel gesinnten Qualitäten ist seit Jahrtausenden ein zentrales Anliegen religiöser Lehren und Ideale. Dass die so vielen Glaubenstraditionen zugrunde liegenden moralischen und ethischen Gebote durch Fanatismus und sektiererischen Dogmatismus untergraben wurden, lässt sich kaum leugnen. Dennoch stellen Gemeinden, die sich aktiv darum bemühen, transzendente Werte zum Wohle aller in die Praxis umzusetzen, einen Erfahrungsschatz dar, der es wert ist, ernst genommen zu werden.
27. "Des Menschen Vorzug liegt im Dienst und in der Tugend, nicht im Prunk des Wohllebens und des Reichtums”, verkündet Bahá'u'lláh und liefert damit eines von vielen Beispielen für einen Ansatz zur persönlichen Identität und kollektiven Interaktion, der auf Werten beruht, die über materiellen Wohlstand allein hinausgehen. Wie solche Ideale in das Denken und Verhalten einer wachsenden Zahl von Menschen eindringen können, und wie dieser Prozess bewusst gefördert und beschleunigt werden kann, sind Fragen von zentraler Bedeutung für die Umweltbewegung und für die Menschheit insgesamt.
Vertiefung: Wissenschaft und Religion: Komplementäre Systeme des Wissens und der Praxis
28. Vorschläge zur weiteren Erkundung
Es gibt noch viel über Gesellschaftsmodelle zu lernen, die ethischen Grundsätzen Vorrang einräumen und deren Entwicklung und Anwendung in der gesamten Bevölkerung aktiv fördern. Die Einrichtung eines Lernzentrums innerhalb jeder UN-Agentur, das sich mit der praktischen Anwendung moralischer und ethischer Grundsätze befasst, anstatt nur nach fertigen Lösungen zu suchen, könnte Wissen darüber generieren, wie Fortschritt in sämtlichen Bereichen menschlicher Erfahrung gefördert werden kann.
Eine bemerkenswerte Alternative zum Paradigma des rein materiellen Fortschritts liegt in der Bedeutung, die sehr viele Menschen überall auf der Welt der Transzendenz des menschlichen Geistes und seiner Verbindung mit dem Göttlichen beimessen. Aus einer systematischen wissenschaftlichen Untersuchung von Gemeinden, die sich bemühen, geistige Prinzipien - wie Selbstlosigkeit, Solidarität mit anderen und Verantwortung für die Natur - anzuwenden, könnte viel gelernt werden, um einen breit angelegten sozialen Fortschritt zu fördern. Zusätzlich zu den verschiedenen Initiativen der Vereinten Nationen, die sich bereits auf die Zusammenarbeit mit religiösen Organisationen konzentrieren, könnte eine solche Untersuchung auch alternative Quellen der Motivation und Inspiration und deren Auswirkungen auf das Wohlergehen der Gemeinschaft und der Umwelt erforschen.
Gerechtigkeit als Prozess und Ergebnis
29. Im Mittelpunkt jedes authentischen Verständnisses vom Einssein auf planetarischer Ebene stehen Fragen der Gerechtigkeit. Dass weitverbreitetes Leiden das Ergebnis der ausbeutenden Beziehung der Menschheit zur Welt der Natur ist, dass einige wenige von der exzessiven Nutzung der Ressourcen der Erde zum Nachteil vieler anderer profitieren, und dass unmittelbare Interessen sich oft über die grundlegenden Bedürfnisse zukünftiger Generationen hinwegsetzen - all dies offenbart tiefe Ungerechtigkeiten gegenüber Menschen und dem Planeten.
30. Solchen Missständen zu entgegnen erfordert eine ehrliche Gewissensprüfung sowie Kreativität, Ausdauer und Demut. Die Stimmen derjenigen, die durch die gegenwärtige Ordnung benachteiligt wurden, müssen in den Entscheidungsprozessen auf allen Ebenen eine weitaus größere Rolle spielen. Erkenntnisse von Volksgruppen müssen eingeholt werden, die eine harmonischere Beziehung zur natürlichen Welt pflegen und von denen viele außerhalb städtischer Zentren leben. Vielfältige kulturelle Auffassungen über die Beziehung der Menschheit zur natürlichen Welt, insbesondere die der indigenen Völker, können die notwendigen Erkenntnisse zur Schaffung von Modellen für heutige und künftige Generationen liefern, die mehr ganzheitlich und nachhaltig sind.
31. Gerechtigkeit erfordert ein breites Spektrum an Ergebnissen - zum Beispiel, dass die Vorteile der menschlichen Zivilisation gerecht verteilt werden, oder dass die Verantwortung für die Durchführung notwendiger Übergänge im Lichte der historischen Beiträge der jeweiligen Akteure zur gegenwärtigen Klimakrise aufgeteilt wird. Gerechtigkeit auf der Ergebnisebene kann jedoch nur durch Ausübung von Gerechtigkeit auf der Prozessebene hergestellt werden. Auf der individuellen Ebene erfordert Gerechtigkeit ein faires Urteilsvermögen und eine gerechte Behandlung anderer. Auf der Ebene der Gruppe ist sie der praktische Ausdruck des Bewusstseins, dass die Interessen des Einzelnen und die der Gesellschaft untrennbar miteinander verbunden sind. Sie erfordert auch einen Standard der Wahrheitssuche, der weit über die Gepflogenheiten von Verhandlungen und Kompromissen hinausgeht, welche die heutigen Beziehungen kennzeichnen - nämlich einen Prozess der gemeinsamen Beratung und Entscheidungsfindung, der sich an Prinzipien hält, offen ist und auf Fakten beruht.
Vertiefung: Lernen als Arbeitsmodus
32. Die Fähigkeit zur Verwirklichung von Gerechtigkeit - und das Engagement dafür - müssen auf allen Ebenen gestärkt werden. Gerechte und gleichberechtigte Beziehungen sind eine unverzichtbare Grundlage für jede vereinte globale Bewegung für das Gemeinwohl.
33. Vorschläge zur weiteren Erkundung
Gerechtigkeit erfordert Kohärenz von Wort und Tat. Über die Einrichtung neuer Gremien oder den Abschluss neuer Abkommen hinaus muss die internationale Gemeinschaft daher die Erfüllung bereits gegebener Versprechen zu einem Grundpfeiler aller künftigen Bemühungen machen. Auf diese Weise kann sie dazu beitragen, das Vertrauen wiederherzustellen, das in den letzten Jahren bedrohlich geschwunden ist - das Vertrauen in gewählte Behörden, in Medien, in Erkenntnisse der Wissenschaft und in die Versprechen führender Politiker der Welt.
Innerhalb der derzeitigen Strukturen könnten globale Vereinbarungen gerechter gestaltet werden, wenn Mittel geschaffen werden, welche die zukünftigen Auswirkungen der vorgeschlagenen politischen Maßnahmen abschätzen und modellieren können. Eine solch vorausschauende Orientierung, veranschaulicht zum Beispiel im Vorschlag für einen Sonderbeauftragten der Vereinten Nationen für künftige Generationen, und gebaut auf Lernerfahrungen von Orten, die eine solche Herangehensweise einführten, würde dazu beitragen, den Entscheidungsprozess von den engen Interessen der heutigen Akteure fernzuhalten, und mittel- und langfristige Gerechtigkeit und Verantwortung in den Vordergrund zu stellen.
Die Rolle des Staates voll anerkennen
34. Beim Aufbau einer nachhaltigeren Welt müssen zahlreiche Akteure eine Rolle spielen. Örtliche Gemeinden können viel tun, um kollektives Handeln zu fördern und die innovativen Fähigkeiten ihrer Mitglieder zu vervielfachen. Die Jugend zeigt immer wieder Offenheit für neue Wege zur Organisation der Gesellschaft, sowie Bereitwilligkeit durch eigenes Handeln an vorderster Front zu lernen, und Bereitschaft zum Einsatz für hohe Bestrebungen und für das Wohlergehen künftiger Generationen. Unternehmen und Industrie, als Hauptstützen der heutigen Wirtschaftsordnung, können konstruktive Entscheidungen treffen, deren Nutzen sich auf Gesellschaften und Landschaften in der ganzen Welt auswirkt. Die Rolle der nationalen Regierung ist heute jedoch unvergleichlich und von hoher Bedeutung. Zu diesem Zeitpunkt der Menschheitsgeschichte ist der Nationalstaat eine der grundlegenden Einheiten der globalen politischen Ordnung. Den Staaten kommt daher eine unentbehrliche Rolle bei der Bewältigung transnationaler Umweltprobleme zu.
[Das Prinzip der Einheit der Menschheit] besteht auf der Unterordnung nationaler Regungen und Belange unter die zwingenden Ansprüche einer geeinten Welt. Es verwirft einerseits die übersteigerte Zentralisation und entsagt zum andern allen Versuchen der Gleichmacherei.
Bahá’í-Schriften
Vertiefung: Der Ort des Entscheidungsprozesses
35. Das Mandat des Staates als Verwalter des Gemeinwohls ist langfristiger Natur und geht über Wahlzyklen und politische Amtszeiten hinaus. Eine wirksame Regierungsführung gewährleistet das Gedeihen aller innerhalb ihres Zuständigkeitsbereichs, auch für kommende Generationen. Der Staat trägt auch eine entscheidende Verantwortung für die Verwaltung der Gemeingüter, sei es innerhalb seiner eigenen Grenzen oder, in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen, die darüber hinausgehen, zum Beispiel bei der Verwaltung und Pflege öffentlicher Güter, die allen zugutekommen.
36. Bei der Bewältigung von Umweltproblemen muss der Staat sein gesamtes Leistungsvermögen verwirklichen. Der Umbau ganzer Industrien in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft nimmt Jahrzehnte in Anspruch und erfordert enorme Mengen an finanziellen Ressourcen, Arbeitsplätzen und physischer Infrastruktur. Unerlässlich wird daher die Rolle der Regierung sein, langfristige Pläne zu entwickeln, sie im Laufe der Zeit methodisch voranzutreiben, und die Bedingungen zu schaffen, unter denen notwendige Fortschritte möglich werden.
37. In einigen Fällen könnte dies in Form von Subventionen, Ausgleichszahlungen, regulatorischen Anpassungen, oder mit anderen Mitteln geschehen, die Anreize für notwendige Maßnahmen schaffen. In anderen Fällen wird die normsetzende Rolle der Regierung und einzelner Führungskräfte erforderlich sein, die erklären, ermutigen, loben, und zum Handeln aufrufen. Im Allgemeinen sind Regierungsinstitutionen einzigartig positioniert, um den Wandel über Generationen zu fördern und aufrechtzuerhalten.
38. Wenn Staaten Umweltbelange wirksam angehen wollen, wird es von entscheidender Bedeutung sein, neue Qualitäten und Einstellungen bezüglich des Führungsstils zu verwirklichen. Der persönliche Charakter ist in dieser Hinsicht von zentraler Bedeutung, und Fortschritt wäre darin zu sehen, wenn Führungspersönlichkeiten den öffentlichen Dienst als eine Verantwortung und nicht als einen Weg zur persönlichen Bereicherung betrachten, wenn sie Rechenschaft über Ziele ablegen, die höher sind als Wahlsieg oder persönliches Vorankommen, und Entscheidungen treffen, die zwar schwierig sind, aber dem Allgemeinwohl dienen. Solche Beispiele moralischer Stärke gehören zu den dauerhaftesten Errungenschaften von Führungspersönlichkeiten und werden noch lange in Erinnerung bleiben, nachdem das Kalkül eines bestimmten Moments oder politischen Klimas verblasst ist.
39. Der Pessimismus gegenüber der Rolle des Staates hat in den letzten Jahren zugenommen, und es ist wahr, dass viele Menschen gelitten haben, wenn Regierungen nicht in der Lage oder willens waren, ihre Funktionen zu erfüllen - wenn die Aufgabe, Regeln und Standards festzulegen, an Vertreter eigennütziger Interessen abgegeben wurde; wenn die Erbringung von Dienstleistungen in einer Weise privatisiert wurde, die menschliches Wohlergehen den Erfordernissen von Profit unterordnete; wenn politische Korruption und Berechnung das Gemeinwohl dem persönlichen Vorteil opferte.
Gutes Regieren schafft den Rahmen, in welchem Privatsektor, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und andere ihren größten Beitrag leisten können.
40. Solche Überlegungen sind jedoch weniger eine Anklage gegen Regierung an sich als vielmehr ein Hinweis auf die besondere Macht, die sie allein besitzt. Gutes Regieren macht es möglich, die Kraft des Handelns auf der Ebene der individuellen Initiative freizusetzen und auf der Ebene des kollektiven Willens zum Blühen zu bringen. Gutes Regieren schafft den Rahmen, in welchem Privatsektor, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und andere ihren größten Beitrag leisten können. Alle haben daher Interesse daran, sicherzustellen, dass die Regierung, als Förderer des öffentlichen Vertrauens, ihre Aufgaben so umfassend wie möglich erfüllt.
41. Vorschläge zur weiteren Erkundung
Die Verantwortung der Staaten, das Wohlbefinden ihrer Bevölkerung zu fördern - das letztlich auf dem Wohlergehen der Menschheit als Ganzes beruht - muss an erster Stelle bei der Gestaltung politischer Vereinbarungen stehen. Entscheidungsgremien müssen daher so strukturiert sein, dass Staaten die aktive Förderung des Gemeinwohls gegenüber anderen begrenzteren Anliegen gewährleisten. Viele Bereiche, in denen heute Gesetze und Regelungen bestimmt werden, sind stark von Akteuren beeinflusst, die - zumindest teilweise - durch Interessen wie Anhäufung finanzieller Gewinne oder politischer Macht motiviert sind. Mechanismen sind daher erforderlich, die sicherstellen, dass solche Akteure - ob multinationale Konzerne, Medienunternehmen, technologische Plattformen, spezielle Interessengruppen oder andere - nur in dem Maße einbezogen werden, wie ihre Beteiligung langfristige Nachhaltigkeit fördert und die redlichen Bemühungen der Volksvertreter stärkt, anstatt sie zu untergraben. Im Kontext der Vereinten Nationen könnte dies beispielsweise in Form von Vereinbarungen geschehen, die sicherstellen, dass nichtstaatlichen Akteuren mit Zugriff zu übermäßigen finanziellen oder anderen materiellen Ressourcen keine Vorzugsbehandlung oder unzulässige Beeinflussung gewährt wird.
Die Diskrepanz zwischen dem Ausmaß der erforderlichen Maßnahmen zur Bewältigung der Klimakrise und den tatsächlich ergriffenen Maßnahmen wird häufig auf einen vermeintlichen Mangel an finanziellen Mitteln zurückgeführt. Aber eine grundlegende Aufgabe des Staates ist die umsichtige Mobilisierung und Ausgabe von Ressourcen zur Förderung des Gemeinwohls in einer Größenordnung, die dem jeweiligen Bedarf entspricht. Institutionen der Regierung haben daher eine bedeutende Verantwortung gegenüber heutigen und künftigen Generationen. Diese Verantwortung verleiht Staaten ein moralisches und ethisches Mandat zur Beschaffung von Ressourcen, die ausreichen, um dringende und künftige Bedürfnisse zu befriedigen, unter gebührender Berücksichtigung von Normen der Gerechtigkeit, Kapazität und Verantwortlichkeit. Sie verlangt auch, dass diese Ressourcen zur Förderung des Wohlergehens der Menschheit eingesetzt werden und nicht zur Subventionierung von nicht nachhaltigen oder zerstörenden Lebensweisen. Eine Ausweitung dieser Verantwortung auf die globale Ebene würde auch, zusätzlich zu den offensichtlichen Auswirkungen auf nationale politische Regelungen, erhebliche Anpassungen in den wirtschaftlichen Vereinbarungen unter Ländern erfordern, nicht zuletzt mit nötigen Schritten zur Verringerung ihrer krassen und destruktiven Wohlstandsunterschiede. Zu diesem Zweck wurde in den letzten Jahren eine Vielzahl von Maßnahmen vorgeschlagen, wie zum Beispiel ein Mechanismus, der eine globale Koordination von Steuern gewährleistet, oder eine Struktur zum Regulieren von illegalen Finanzströmen. Wenn sie mit Bedacht umgesetzt werden, können solche Vorschläge viel dazu beitragen, den verfügbaren Pool an globalen Ressourcen gut zu nutzen.
Die Welt, die auf uns wartet
42. Eine blühende globale Zivilisation in Harmonie mit der natürlichen Umwelt ist eine Vision, um die sich immer mehr Menschen bemühen. Die Welt, die auf uns wartet, ist eine Welt der Integration und der Ausgewogenheit, der Schönheit und Reife. Es ist eine Welt mit einem neu definierten Sinn für Fortschritt, in welcher Gemeinden und Einzelpersonen mit Unterstützung von Institutionen an der Verwirklichung ihrer höchsten Bestrebungen arbeiten. Es ist eine Welt, die zunehmend von schädlichen moralischen Kompromissen - seien sie sozial, wirtschaftlich oder ökologisch - befreit ist, die so oft als notwendig für den Fortschritt dargestellt wurden.
43. Die Bewegung hin zur Verwirklichung dieser Vision hat begonnen und gewinnt an Schwung. Erhabene Ziele wurden formuliert, und Handeln ist in einem noch nie dagewesenen Ausmaß erforderlich. Doch das Tempo der Transformation ist den Erfordernissen des Augenblicks bis jetzt nicht angemessen. Die Auswahl der zur Verfügung stehenden Optionen für die notwendigen Anpassungen wird nur schrumpfen, wenn das Handeln in die Zukunft verschoben wird. Wird die Menschheit nach der Wahrheit handeln, dass ihr eigenes Schicksal und das des Planeten unwiderruflich miteinander verwoben sind? Oder wird es noch größere Katastrophen brauchen, um sie zum Handeln zu bewegen?
Die Bewegung hin zur Verwirklichung dieser Vision hat begonnen;
sie gewinnt an Schwungkraft.
44. Die Kluft zwischen Absicht und Handeln ist eine der zentralen Herausforderungen, vor denen die Menschheit heute steht. Diese Kluft kann überbrückt werden; Einzelpersonen, Gemeinden und Nationen tragen jeden Tag ihren Teil zu diesem Ziel bei. Damit die Maßnahmen jedoch das erforderliche Ausmaß erreichen, bedarf es eines weitaus stärkeren Konsenses und kollektiven Willens unter den Nationen in Bezug auf die Werte, die der gegenwärtige Entwicklungsstand der Menschheit erfordert. Dies bedarf auch einer viel größeren Entschlossenheit, diese Werte in die Praxis umzusetzen, sich auf das zu besinnen, was dem Gemeinwohl dient, und alles zu verwerfen, was dem moralischen und praktischen Gebot der Stunde im Wege steht. Dies ist in der Tat ein hohes Unterfangen und sein Nutzen ein unschätzbares Vermächtnis, das den kommenden Generationen hinterlassen werden muss. Lassen wir uns gemeinsam diesen Anforderungen gerecht werden.