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Das Blatt wenden
Minderung des Verlusts der biologischen Vielfalt und Wiederherstellung dezimierter Ökosysteme
14. Oktober 2024
Von Anil Singh
Anil Singh ist Doktorand am Stockholm Resilience Centre, wo er sich darauf konzentriert zu verstehen, wie Nachhaltigkeitstransformationen in sozial-ökologischen Systemen ablaufen – insbesondere innerhalb von Ernährungssystemen. Seine Forschung untersucht diese Transformationen aus prozess-relationalen Perspektiven und analysiert die komplexen Wechselwirkungen sowie adaptiven Prozesse, die Resilienz und Nachhaltigkeit vorantreiben. Zuvor erforschte er im Rahmen des Programms „Global Economic Dynamics and the Biosphere“ an der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften die Verbindungen zwischen Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen.
Unendliche Formen, wunderschön und wunderbar, haben sich entwickelt und entwickeln sich weiter.
Charles Darwin
Einer der erstaunlichsten Aspekte unseres Planeten ist die Vielfalt des Lebens, die sich über Millionen von Jahren entwickelt hat. Wissenschaftler schätzen, dass 8,7 Millionen Arten die Erde bewohnen. Unser Wissen über diese Vielfalt befindet sich noch in einem frühen Stadium; lediglich 14 % der terrestrischen und 9 % der marinen Arten sind dokumentiert. Diese enorme Wissenslücke über die Vielfalt des Lebens wird von einer noch größeren Lücke darüber übertroffen, wie wir sie bewahren und schützen können.
Das reiche Geflecht des Lebens auf der Erde wurde als „Bibliothek des Lebens“ bezeichnet. Heute steht diese wunderbare Bibliothek in Flammen. Der Verlust der biologischen Vielfalt schreitet in einem in der Menschheitsgeschichte Präzedenzlosigkeit suchenden Tempo voran. Geologische Aufzeichnungen zeigen, dass es fünf Massenaussterben auf der Erde gab, die jeweils durch natürliche, katastrophale Ereignisse verursacht wurden. Seit Jahrzehnten verdichten sich die Beweise dafür, dass wir uns derzeit in einem sechsten Massenaussterben befinden, das hauptsächlich durch anthropogene Einflüsse getrieben wird. Wir werden Zeugen der Auflösung des Gewebes des Lebens durch den Verlust von Arten, den Rückgang der genetischen Vielfalt und die Beeinträchtigung essenzieller Ökosystemfunktionen.
Viele, die sich dieser Krise bewusst sind, versuchen, so viele „Bücher“ wie möglich aus der Bibliothek des Lebens zu retten. In den meisten Fällen gelingt bestenfalls ein flüchtiger Blick auf die Buchtitel, bevor sie für immer verloren sind. Arten, die sich über Millionen von Jahren entwickelt haben, sterben aus, bevor die Wissenschaft sie überhaupt erfassen oder erforschen kann. Dass sich die Biodiversität und die Ökosysteme des Planeten in einem Krisenzustand befinden, erfordert eine beispiellose, monumentale Transformation. Das Blatt zu wenden, wird das Zusammenspiel einer Reihe von Faktoren erfordern.
MITEINANDER VERBUNDENHEIT UND KOMPLEXITÄT
Das vorherrschende Verständnis der Beziehung der Menschheit zur Natur liegt ihrem kollektiven Verhalten gegenüber der natürlichen Welt zugrunde. In Bezug auf die Wechselseitigkeit der Existenz ermutigen uns die Bahá’í-Schriften:
Denkt nach über das innere Wesen des Universums, die verborgenen Weisheiten darin, die Rätsel, die Wechselbeziehungen, die Regeln, die alles regieren. Denn jeder Teil des Universums ist mit jedem anderen Teil durch Bande verknüpft, die sehr mächtig sind und kein Ungleichgewicht dulden.
Die Ökologie – die Lehre von den Beziehungen, Verbindungen und Wechselwirkungen zwischen Organismen und ihrer Umwelt – bestätigt, dass Biodiversität die Grundlage für das Funktionieren von Ökosystemen und die Bereitstellung von Ökosystemdienstleistungen bildet. Dazu gehören die Pflanzenproduktion, Bestäubung, Wasserreinigung, Küstenschutz und Klimaregulierung – Dienstleistungen, die für das menschliche Wohlbefinden und Gedeihen unerlässlich sind.
Soziale, kulturelle, wirtschaftliche, technologische, institutionelle und ökologische Variablen interagieren auf komplexe Weise und treiben den globalen Niedergang der Natur voran. Angesichts der Komplexität dieser sozial-ökologischen Interaktionen ist es schwierig, die Auswirkungen des Biodiversitätsverlusts und der Degradierung natürlicher Systeme vorherzusehen, zu planen und zu bewältigen. Betrachten wir beispielsweise das Problem ökologischer Kaskaden: Der Verlust einer Schlüsselart kann ein gesamtes Ökosystem stören und zum Verlust weiterer Arten sowie zeitweise zum Zusammenbruch eines ganzen Ökosystems führen – oft auf Wegen, die kaum verstanden sind.
So führte das Ausrotten der Wölfe im Yellowstone-Nationalpark im frühen 20. Jahrhundert zu einer Überpopulation von Wapiti-Hirschen, die wiederum junge Bäume und die Vegetation übermäßig abweideten. Diese Überweidung verursachte einen erheblichen Rückgang der Biberpopulationen, die auf Bäume zum Bau von Dämmen angewiesen sind, und veränderte sogar den Lauf von Flüssen. Die Wiedereinführung der Wölfe Jahrzehnte später war einer von vielen Faktoren, die zur Wiederherstellung des Gleichgewichts beitrugen. Dies verdeutlicht die komplizierten Verbindungen innerhalb von Ökosystemen, die entgleiten können, wenn Schlüsselarten verloren gehen.
Wenn Kaskaden einmal in Gang gesetzt sind, vergeht meist Zeit, bis Kipppunkte erreicht werden und die damit verbundenen Auswirkungen spürbar werden. Symptome des Überschreitens solcher Kipppunkte manifestieren sich oft in den Auswirkungen auf Wirtschaftssysteme, die auf das gesunde Funktionieren von Ökosystemen angewiesen sind, um einen nachhaltigen Fluss von Gütern und Dienstleistungen zu gewährleisten. Einzelpersonen, Institutionen und Gemeinschaften müssen die Fähigkeit entwickeln, mit der inhärenten Unvorhersehbarkeit dieser Systeme so umzugehen, dass es sowohl der Natur als auch den Menschen dient.
Die Erkenntnis dieser Wechselwirkungen wirft viele Fragen auf: Wie kann unsere individuelle Beziehung zur Natur neu gedacht werden, um eine nachhaltigere Zukunft zu schaffen? Wie kann der kollektive Wille gebündelt werden, um natürliche Systeme zu bewahren und wiederherzustellen? Und wie können – in dem Wissen, dass lokale, regionale und globale Governance erforderlich sind, um den Herausforderungen des Biodiversitätsverlusts und der Ökosystemdegradierung zu begegnen – die Interaktionen zwischen diesen drei Ebenen kohärent, integriert und harmonisch gestaltet werden?
WIRTSCHAFTEN MIT ÖKOSYSTEMEN
Wirtschaftssysteme sind in soziale Systeme eingebettet, die ihrerseits in die Ökosysteme der Biosphäre unseres Planeten eingebunden sind. Die Parzellierung und Trennung dieser Systeme hat die Art und Weise, wie wir konsumieren und produzieren, stark beeinflusst. Ein weit tieferes Bewusstsein für unsere Interdependenz miteinander und mit der Biosphäre, die alles Leben trägt, ist erforderlich, wenn wir eine nachhaltige Zukunft schaffen wollen. Das Universale Haus der Gerechtigkeit hat die Schwere des Problems betont:
„Die sich verschärfende Umweltkrise, angetrieben von einem System, das die Plünderung natürlicher Ressourcen zur Befriedigung eines unersättlichen Durstes nach immer mehr billigt, zeigt, wie völlig unzulänglich das gegenwärtige Konzept der Beziehung der Menschheit zur Natur ist.“
Dieses unzulängliche Konzept unserer Beziehung zur natürlichen Welt spiegelt sich in unseren Konsummustern wider, die sich negativ auf die Biodiversität und die Ökosysteme auswirken. Beispielsweise schätzt die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), dass die Fischbestände zurückgehen: Zwei Drittel sind bis an die Grenze genutzt oder überfischt, und 70 % der Fischpopulationen sind voll genutzt, übernutzt oder befinden sich in einer Krise. Lebensmittelerzeugungssysteme sind weltweit die Haupttreiber des Biodiversitätsverlusts und bedrohen 86 % der vom Aussterben bedrohten Arten.
Das Universale Haus der Gerechtigkeit wies darauf hin, dass „jede Entscheidung … als Arbeitnehmer oder Arbeitgeber, Produzent oder Konsument, Kreditnehmer oder Kreditgeber, Wohltäter oder Begünstigter Spuren hinterlässt; die moralische Pflicht, ein kohärentes Leben zu führen, verlangt, dass die eigenen wirtschaftlichen Entscheidungen im Einklang mit erhabenen Idealen stehen und dass die Reinheit der eigenen Absichten durch die Reinheit der Handlungen zu deren Erfüllung ergänzt wird.“
DIE MENSCHLICHE NATUR
Die reduktive und einschränkende Sicht auf die menschliche Natur als eigennützig, kalt-rational und vom Wunsch nach Maximierung von Konsum und Gewinn getrieben, hat die Beziehung der Menschheit zur Natur verheerend geschädigt. Unsere natürlichen Systeme werden zunehmend als Schätze scheinbar unendlicher Ressourcen betrachtet, aus denen Produkte und Dienstleistungen gewonnen werden können, um unkontrollierte menschliche Bedürfnisse und Wünsche zu befriedigen. Die Situation wird durch die „Entfremdung“ der Verbraucher von den Ursprüngen dieser Produkte und Dienstleistungen weiter verschärft.
Das Aussterben von Arten und die Ausbeutung der Natur finden oft fernab des Blickfeldes und des Bewusstseins statt. Diese scheinbar unsichtbare Ökosystemdegradierung und der Verlust an Biodiversität werden im Wirtschaftssystem häufig als „externe Effekte“ betrachtet und spiegeln sich nicht in den Kosten wider, die bei der Gewinnung und Nutzung natürlicher Ressourcen entstehen. Die Entkopplung zwischen den Folgen unseres Handelns und ihren Auswirkungen auf die Natur ist in städtischen Zentren, in denen mittlerweile der Großteil der Menschheit lebt, besonders ausgeprägt.
Das wachsende Bewusstsein für die Folgen unserer Entscheidungen auf die Umwelt, gepaart mit dem Wissen um die menschliche Fähigkeit, diese negativen Auswirkungen zu mildern, hat in einigen Fällen zu einer tieferen Reflexion über die menschliche Natur geführt – und darüber, wie unser Verständnis davon unser Selbstverständnis, unsere Beziehung zur Natur und unseren Lebenssinn beeinflusst. Immer mehr Stimmen stellen die Vorstellung infrage, dass wir reine Eigennutz-Wesen sind, die ausschließlich auf Konsum und Ausbeutung ausgerichtet sind.
Die Bahá’í-Schriften betonen, dass der Mensch eine zweifache Natur besitzt. Während unsere niedere Natur uns zu Selbstsucht, Gier und Ausbeutung neigen lässt, strebt unsere höhere Natur – wenn sie kultiviert wird – nach Transzendenz und neigt zu Verantwortung, Altruismus, Selbstbeherrschung und Gegenseitigkeit. Die Vernachlässigung dieser höheren Natur hat zu einer fehlerhaften Sicht auf die Beziehung des Menschen zu anderen und zur materiellen Welt geführt sowie zur Vernachlässigung eines essenziellen Teils der menschlichen Entwicklung und Entfaltung.
DIE ROLLE DER RELIGION
Bahá’í betrachten wahre Religion als ein System des Wissens und der Praxis, das sich – ähnlich wie die Wissenschaft – weiterentwickelt, während die Menschheit von einer Stufe der kollektiven Entwicklung zur nächsten voranschreitet. Vorstellungen und Praktiken von Religion, die in der fernen Vergangenheit verwurzelt sind, können das Potenzial des Systems zur Bewältigung zeitgenössischer Umweltkrise nicht freisetzen – genauso wenig wie die Wissenschaft in früherer Entwicklungsstadien der Zivilisation den heutigen Herausforderungen gerecht werden könnte.
In ihrer reinsten Form versucht Religion, die höhere Natur im Menschen zu nähren und zu entfalten und ethisches Verhalten durch spirituelle Bildung sowie die Anwendung spiritueller Prinzipien im Dienste der Gesellschaft zu fördern. Wie das Universale Haus der Gerechtigkeit schrieb, reicht Religion „bis an die Wurzeln der Motivation“:
Wenn sie dem Geist und dem Beispiel jener transzendenten Gestalten treu war, die der Welt ihre großen Glaubenssysteme schenkten, hat sie in ganzen Völkern Fähigkeiten geweckt zu lieben, zu vergeben, zu erschaffen, Großes zu wagen, Vorurteile zu überwinden, sich für das Wohl aller aufzuopfern und die Impulse tierischer Instinkte zu disziplinieren.
Heute muss Religion, um als Kraft für den Aufbau einer Zivilisation zu dienen, in der Menschheit das Bewusstsein für ihre Einheit und Ganzheitlichkeit sowie für die dringende Notwendigkeit einer harmonischen Beziehung zur natürlichen Welt kultivieren. Bahá’í-Gemeinden auf der ganzen Welt widmen sich der Aufgabe, dieses Potenzial in Zusammenarbeit mit gleichgesinnten Einzelpersonen und Gruppen zu erschließen.
Einer der Wege, wie gelernt wird, dieses Potenzial freizusetzen, ist die Entwicklung eines sich fortlaufend entfaltenden Systems spiritueller Bildung, das darauf abzielt, in der Bevölkerung die erforderlichen Qualitäten und Fähigkeiten zu wecken.
Unter den vielfältigen Bildungsbestrebungen befindet sich beispielsweise das Programm zur geistigen Befähigung von Juniorjugendlichen. Dieses „ermutigt zu nachdenklicher Unterscheidungskraft in einem Alter, in dem der Ruf des Materialismus dringlicher wird.“ Das Studium tiefgründiger Texte fördert in den Jugendlichen spirituelle Qualitäten und Haltungen, erweitert ihr Wissen und Verständnis und schärft ihre Fähigkeiten. Das Lernen wird durch Dienstprojekte ergänzt – oft im Zusammenhang mit dem Schutz des lokalen Lebensraums –, die den Jugendlichen helfen, das Gelernte in sinnvolles Handeln umzusetzen. Auf diese Weise wird ihre höhere Natur genährt, und sie beginnen zu erkennen, wie ihre Anstrengungen zur Bewahrung der natürlichen Welt beitragen können. Mit wachsender Fähigkeit zu kollektivem Handeln werden sie in die Lage versetzt, Projekte von höherer Komplexität anzugehen.
Obwohl die Erfahrungen der Bahá’í-Welt weltweit noch bescheiden sind, gibt es bereits unzählige Initiativen von Jugendlichen, die inspiriert und vorbereitet sind, zur Verbesserung der Welt beizutragen. Darunter war ein Dienstprojekt einer Gruppe von Juniorjugendlichen in Okcheay, Kambodscha. Sie pflanzten Bäume entlang eines Straßenabschnitts, um die Luftqualität zu verbessern und Schatten gegen die Hitze zu spenden. Die Gemeinschaft erlebte später im Jahr eine weitere Auswirkung, als die Bäume die Straße vor schwerer Bodenerosion durch eine Überschwemmung schützten.
DIE NATUR ALS SPİEGELBILD DES HEILIGEN
Die Beziehung zwischen Mensch und Natur ist im Wesentlichen spiritueller Natur und kann nicht rein materiell oder ökonomisch beschrieben werden. Diese Beziehung neu zu konzipieren beeinflusst, wie wir die Natur betrachten und wie wir mit ihr interagieren.
Die Bahá’í-Schriften beschreiben die Natur als ein Spiegelbild des Heiligen und deuten an, dass das Nachdenken über verschiedene Aspekte der natürlichen Welt als Mittel dienen kann, sich dem Göttlichen anzunähern:
„Wenn du … das innerste Wesen aller Dinge und die Individualität eines jeden betrachtest, wirst du die Zeichen der Barmherzigkeit deines Herrn in jedem erschaffenen Ding erblicken.“
Das Wachstum des spirituellen Bewusstseins, das durch solch eine Betrachtung erzeugt wird, weckt Demut in der menschlichen Seele und stärkt die spirituelle Verbindung zur natürlichen Welt. Bahá’u’lláh schrieb, dass jeder Mensch, der sich der Heiligkeit der Natur bewusst ist, sich beim Wandeln auf der Erde bescheiden fühlen muss, „da er sich völlig darüber im Klaren ist, dass dasjenige, was die Quelle seines Wohlstands, seines Reichtums, seiner Macht, seiner Erhebung, seines Fortschritts und seiner Kraft ist, nach Gottes Fügung eben jene Erde ist, die von den Füßen aller getreten wird … Es besteht kein Zweifel, dass wer immer sich dieser Wahrheit bewusst ist, von allem Stolz, aller Überheblichkeit und allem Eigendünkel gereinigt und geheiligt ist.“
BÜNDELUNG DES KOLLEKTIVEN WILLENS
Eng verbunden mit unserer Beziehung zur Natur ist unsere Beziehung zueinander. Der Erhalt gesunder Ökosysteme erfordert, dass Gemeinschaften und ganze Gesellschaften auf der Grundlage des Bewusstseins für die Einheit der Menschheit gemeinsam handeln. Religion kann ein solches kollektives Bewusstsein inspirieren und kollektiven Willen sowie gemeinsames Handeln fördern.
Im Dorf Agua Azul in Norte del Cauca, Kolumbien, begannen beispielsweise Tausende von Menschen, die mit der Bahá’í-Gemeinde verbunden sind, im Jahr 2012 über die Wiederbelebung des natürlichen Lebensraums zu beraten, als Pläne für den Bau eines örtlichen Hauses der Andacht initiiert wurden. Eine Reihe von Konsultationen in der Gemeinschaft führte zu „einem ausgeprägten Bewusstsein für die physische Umwelt und ihre Beziehung zum spirituellen und sozialen Wohlbefinden der Bevölkerung.“
Über Jahrzehnte hinweg war der üppige einheimische Wald der Region, der von Leben wimmelte und von lokalen Bauern bestellt wurde, durch Zuckerrohrplantagen verdrängt worden. Nach 2012 begannen die Gemeinschaften jedoch, die reiche ökologische Vielfalt des Landes durch ein Wiederaufforstungsprojekt wiederherzustellen. Von nah und fern trugen lokale Bewohner Samen und Pflanzen zu einer kollektiven Initiative bei, die sie als ein Projekt der gesamten Bevölkerung betrachteten.
Neben der Wiederherstellung der biophysischen Aspekte der Region stellte das Projekt auch die ebenso wichtigen biokulturellen Aspekte wieder her. „Dieser einheimische Wald, den wir anbauen werden, sollte eine Schule sein, ein Ort des Lernens“, sagte einer der verbliebenen lokalen Bauern in den ersten Tagen des Projekts. Sein Wunsch, dass das Wissen über die Ökologie der Region an die jüngeren Generationen weitergegeben wird, sollte sich erfüllen. Schüler treffen sich nun regelmäßig auf dem Gelände des Bahá’í-Hauses der Andacht und im einheimischen Wald, genannt „Bosque Nativo“, um gemeinsam zu lernen und Projekte zu planen.
Ein Projekt von Teilnehmenden des Programms „Vorbereitung auf soziales Handeln“ (PSA) bestand darin, 10.000 Bäume zu pflanzen und zu pflegen. Als Schritt zu diesem Ziel wurden die Gemeinden Jamundí und Cali zu einer Gemeinschaftsversammlung, einer „Minga“, aufgerufen, um sich über das Projekt „Umwandlung der Umwelt“ zu beraten, dessen Ziel das Pflanzen von 600 Bäumen war. Als Reaktion darauf pflanzten an nur einem Tag mehr als 500 Personen 565 Setzlinge – ein praktischer Ausdruck des geschärften Bewusstseins der Beteiligten, dass die Bande der Integration in ihren Gemeinschaften durch eine starke Verbindung zur Natur gestärkt werden.
Da Wälder in viel größeren Zeiträumen existieren als menschliche Lebensspannen, ist ein wichtiger Aspekt dieser Initiative, dass Kinder und Jugendliche in einen Lern- und Lehrprozess eingebunden sind. Indem sie Erkenntnisse und Fähigkeiten bei der Wiederherstellung des einheimischen Waldes und der Stärkung der Gemeinschaftsbande gewinnen, können sie dieses Wissen an zukünftige Generationen weitergeben und so die langfristige Nachhaltigkeit des Unterfangens sichern.
VON DER TRAGÖDIE DER ALLMENDE ZUR VERWALTUNG DER ALLMENDE
Diese Beispiele veranschaulichen, wie Gemeinschaften beginnen können, ein Problem zu überwinden, das oft im Zentrum der Bewirtschaftung von Biodiversität und Ökosystemen liegt: die kollektive Verwaltung von Allmenderessourcen (Common Pool Resources) und den Ökosystemen, aus denen sie stammen – wie etwa Fischbestände aus Korallenriffen oder Holz aus Wäldern.
Allmenderessourcen werden oft von diversen Gruppen mit unterschiedlichen Interessen und Bedürfnissen geteilt. Im Laufe der Zeit werden solche Ressourcen übernutzt und können erschöpft werden. Theoretisch ist die Nachhaltigkeit gesichert, wenn alle Nutzer aufhören, die Ressource übermäßig auszubeuten. Dies führt jedoch zu einem Dilemma: Wenn eine Gruppe auf die Nutzung verzichtet und eine andere nicht, verliert die verzichtende Gruppe potenzielle kurzfristige Gewinne. Die fortfahrende Gruppe profitiert von diesen Gewinnen, während die Ressource letztlich dennoch kollabiert. Dies wird als „Tragödie der Allmende“ bezeichnet und ist ein anhaltendes Problem im Umweltmanagement.
Lösungsansätze beinhalten oft die Forderung nach Privatisierung des Eigentums oder staatlicher Kontrolle, getragen von der Überzeugung, dass lokale Nutzer eine Ressource zwangsläufig erschöpfen und daher externe Interventionen nötig sind. Solchen negativen Annahmen liegt der Glaube an die wettbewerbsorientierte Natur von Gruppen, die Dominanz von Eigennutz und die Vereinfachung komplexer sozial-ökologischer Interaktionen zugrunde. Diese Ideen prägen schematische Modelle externer Akteure zur Lösung lokaler Umweltprobleme, die oft versuchen, Teile des Systems isoliert und ohne Berücksichtigung des Gesamtzusammenhangs zu behandeln.
Jahrzehntelange Forschungen von Elinor Ostrom und anderen Ökonomen zeigen jedoch, dass die „Tragödie der Allmende“ nicht unvermeidbar ist. Lokale Gemeinschaften haben Allmenderessourcen in vielen Fällen erfolgreich so verwaltet, dass diese geschützt und die Zugangsrechte gerecht verteilt wurden.
Eine solche nachhaltige Verwaltung der Allmende ist wahrscheinlicher, wenn bestimmte Elemente vorhanden sind. Beispielsweise führt direkte, persönliche Kommunikation im Vergleich zu computervermittelter Kommunikation oft zu höherer Kooperation und besseren Ergebnissen für alle Beteiligten.
Im Gegensatz dazu verringert die übermäßige Abhängigkeit von Top-down-Interventionen die Gegenseitigkeit, hemmt lokales Handeln und übersieht die Fähigkeit von Gemeinschaften zur Selbstregulierung. Es gibt zudem Belege dafür, dass lokales, indigenes Wissen – ergänzt durch wissenschaftliche Erkenntnisse – ein wichtiger Faktor bei der Wiederherstellung von Allmenderessourcen ist. Auch die Bedeutung sozialen Lernens und der Anpassung wird hervorgehoben.
Obwohl es Fortschritte in Theorie und Praxis gibt, erfordert die Bündelung des gemeinsamen Willens von Gemeinschaften und der Menschheit als Ganzes die Verständigung auf grundlegende Prinzipien und Werte. Leider sind menschliche Angelegenheiten zu oft von Wettbewerb und Konflikten geprägt, was das Erkennen gemeinsamer Ziele erschwert.
In diesem Kontext sieht die Bahá’í-Gemeinde die Religion als eine Quelle universeller Prinzipien, um die herum sich Gemeinschaften organisieren können, und als eine mächtige Kraft zur Mobilisierung kollektiven Handelns.
In den letzten 25 Jahren hat die Bahá’í-Gemeinde systematisch einen Prozess des Kapazitätsaufbaus verfolgt, um spirituelle Prinzipien – wie Gerechtigkeit, die Gleichberechtigung von Frauen und Männern, die Harmonie von Wissenschaft und Religion, universelle Bildung und die Einheit der Menschheit – auf soziale und ökologische Fragen anzuwenden. Ein wesentliches Merkmal dieses Prozesses ist das regelmäßige Zusammenkommen von Menschen in Reflexionsräumen, um voneinander zu lernen und gemeinsam in einer Atmosphäre der Einheit und Kooperation zu beraten.
In solchen Räumen weichen polarisierende Denkmuster wie „wir“ gegen „die anderen“, „Top-down“ gegen „Bottom-up“ oder „individuelle Rechte“ gegen „kollektive Rechte“ reiferen Konzepten. Diese Reflexionsräume werden durch Bildungsprogramme ergänzt, die darauf abzielen, sowohl die spirituellen als auch die materiellen Dimensionen der Gesellschaft zu verbessern.
Sambia bietet ein anschauliches Beispiel dafür, wie sich ein solcher Prozess entfaltet. Die Erkenntnisse aus den Bildungsmaterialien haben zu Plänen geführt, einige Ökosysteme in der Region wiederherzustellen. Beispielsweise hat das Programm mit einer Gemeinschaft gearbeitet, deren Fischbestände in kleinen Teichen erschöpft waren. Neben der Wiederbelebung der Teiche betrieben die Beteiligten Bildungsarbeit in der Gemeinde, um das Bewusstsein für nachhaltigere Fischereimethoden zu schärfen.
In anderen Teilen Afrikas unterstützt das PSA-Programm Teilnehmende dabei, die Landwirtschaft im Einklang mit spirituellen Erkenntnissen anzugehen. Sie betreiben Aktionsforschung auf der Grundlage wissenschaftlicher Ansätze und lernen die Nutzung organischer Düngemittel, Kompostierung sowie die Verwaltung von Saatgutbanken. Dies trägt zur Aufrechterhaltung der Nutzpflanzenvielfalt bei. Über die praktischen Elemente hinaus gewinnen die Teilnehmenden ein höheres Bewusstsein für das Land und lernen, es als etwas Lebendiges zu sehen, mit dem der Mensch in einer wechselseitigen Beziehung steht.
Diese Initiativen veranschaulichen die Fähigkeit lokaler Gemeinschaften, eigene Anstrengungen zur Erhaltung gemeinsamer Ressourcen zu leiten. Sie zeigen, dass die „Tragödie der Allmende“ kein unausweichliches Schicksal sein muss; vielmehr kann die Verwaltung der Allmende zur greifbaren Realität werden, wenn Religion und Wissenschaft Menschen inspirieren und leiten.
REGIONALE UND GLOBALE GOVERNANCE DER BIOSPHÄRE
Berücksichtigt werden müssen auch Biodiversität, Ökosysteme und Ökosystemfunktionen, die auf regionaler und globaler Ebene existieren und außerhalb nationaler Zuständigkeiten liegen – etwa Korallenriffe, die Atmosphäre, die Tiefsee und die Polarregionen. Das Ökosystem des amazonischen Regenwaldes liegt zwar in der nationalen Jurisdiktion Brasiliens, hat aber supranationale Auswirkungen. Korallenriffe bilden ein Netzwerk von Kinderstuben, die regionale und globale Fischbestände sichern.
Beim Fehlen regionaler und globaler Governance-Strukturen führen wissenschaftlicher Fortschritt und der Zugang zu enormen Finanzmitteln in manchen Ländern und privaten Unternehmen oft zu unnachhaltigem und ungeregeltem Handeln. Beispiele hierfür sind:
* Die Patentierung und Nutzung mariner genetischer Ressourcen zur Entwicklung von Medikamenten. Dieses Material ist das gemeinsame Erbe der Menschheit, doch ohne internationale Regulierung droht der exklusive Zugang privilegierter Akteure.
* Das Management von Fischbeständen auf hoher See, wo Gesetzeslücken außerhalb nationaler Seegrenzen zur Überfischung und zum Zusammenbruch von Fischbeständen beitragen.
* Der globale Rückgang von Bestäubern, der angesichts der Abhängigkeit der meisten Nutzpflanzen von Bestäubung eine Krise in der weltweiten Nahrungsmittelproduktion auslösen könnte.
Im vergangenen Jahrhundert hat das wachsende Bewusstsein für die Rolle der Biodiversität zur Entwicklung internationaler Abkommen geführt (z. B. das Übereinkommen über die biologische Vielfalt, das CITES-Abkommen oder die Ramsar-Konvention). Unterstützend stellt der Weltbiodiversitätsrat (IPBES) wissenschaftliche Erkenntnisse für Entscheidungsträger bereit.
Trotz dieser vielversprechenden Entwicklungen reichen freiwillige Verpflichtungen von Staaten nicht aus, um die Einhaltung von Regeln zu garantieren. Ist eine Art einmal ausgestorben, ist sie für immer verloren.
Die Bahá’í-Schriften betonen eindeutig, was die Menschheit heute braucht: Die derzeitige Struktur der globalen Governance muss sich weiterentwickeln. Dennoch erkennt die Bahá’í-Gemeinschaft an, dass dieser Weg von Rückschlägen und Konflikten geprägt ist. Wie das Universale Haus der Gerechtigkeit feststellte:
Gemeinsame ethische Prinzipien bröckeln, was den Konsens bedroht, der bisher die niederen Neigungen der Menschheit im Zaum hielt. Der Wille zu internationalem kollektivem Handeln wird durch das Wiederaufleben von Rassismus, Nationalismus und Fraktionsdenken geschwächt.
Trotz dieser Rückschritte besteht die Erkenntnis, dass Krisen in der Vergangenheit oft den Weg für Transformation geebnet haben. Der nächste Schritt in der Entwicklung der globalen Governance muss kühner und entschlossener sein als alles bisher Dagewesene.
Letztlich erfordert die Verwirklichung dieser Vision eine historische Leistung der Staatskunst durch die Führungspersönlichkeiten der Welt. Es ist offensichtlich, dass diese Bedingungen noch nicht vollständig gegeben sind. Auch die religiöse Führung ist gefordert, tief über ihre Rolle bei der Bewältigung dieser existenziellen Bedrohung nachzudenken.
Vor diesem Hintergrund bemühen sich Bahá’í, zu den Diskursen in ihren gesellschaftlichen Umfeldern beizutragen. Sie versuchen, die Ursachen von Umweltproblemen zu identifizieren und sie mit relevanten spirituellen Prinzipien zu verknüpfen – insbesondere durch die Anwendung des Prinzips der Beratung, der Einheit der Menschheit und der Gerechtigkeit.
Die Bahá’í-Schriften weisen auf eine Zukunft hin, in der lokale, regionale und globale Governance angemessen koordiniert und gestärkt werden, um die natürlichen Ressourcen der Menschheit zu schützen und gleichzeitig die Rechte und die Autonomie jeder Bevölkerung zu wahren.
FAZIT
Vor über einem Jahrhundert formulierte ’Abdu’l-Bahá in einer Rede an der Stanford University folgende Überlegung: „Die Elemente und niederen Organismen sind im großen Plan des Lebens aufeinander abgestimmt. Sollte der Mensch, der unendlich weit über ihnen steht, gegensätzlich handeln und ein Zerstörer dieser Vollkommenheit sein?“
Diese Frage ist heute relevanter denn je. Die Bahá’í-Schriften bieten eine hoffnungsvolle Perspektive: Sie betonen, dass sich die Menschheit in einer Übergangsphase befindet – von der Phase der Jugend hin zur Reife. Die Bewältigung dieser kritischen Periode gehört zu den zentralen Herausforderungen unserer Zeit.
Dies erfordert eine gemeinsame Vision, kollektiven Willen und eine Neuausrichtung unserer Beziehung zur Natur und zueinander. Es verlangt eine mutige Führung, die Weiterentwicklung unserer Governance-Strukturen sowie die Verbindung wissenschaftlicher Erkenntnisse mit den Werten der Religion, um spirituelle Prinzipien in die Realität umzusetzen.